DIE GÖTTER

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Berufe

Ihr lieben Menschen, ich muss neidlos anerkennen, dass ihr sehr kreativ seid. Auch und ganz besonders beim Erfinden von Berufsständen. Doch ehrlich! Nicht umsonst haben wir hier in den göttlichen Gefilden so manche eurer Kreationen übernommen. Nicht ohne Grund beanspruchen meine Engel den Beamtenstatus für sich. Sie überzeugten mich bei ihrem Anliegen, diesen Status zu erlangen, auch mit ausgesprochen logischen Argumenten. Sie brachten hervor, dass sie ohnehin unkündbar und mir als ihrem Dienstherrn zur Treue verpflichtet sind. Da sie alles, was sie benötigen von mir erhalten, unterliegen sie auch dem Alimentationsprinzip. Sie sind also die geborenen – oder eher erschaffenen? – Beamten.

Das Beamtentum ist allerdings bei weitem nicht die Krone eurer professionellen Kreativität. Es gibt noch bessere Berufe. Anwälte zum Beispiel. Ja, die Anwälte machen sogar uns Göttern zu schaffen. Ein Mensch schloss einst einen Pakt mit dem Teufel: die Seele gegen unbegrenzte Macht. Seine Macht nutzte der Mensch dann, um anderen zu helfen. Er wurde ein Held. Er rettete Menschen aus Lawinen, leitete Wirbelstürme um, versiegelte bei Erdbeben beschädigte Kernreaktoren und nach 72 Jahren kam der gute alte Lu und forderte seinen Lohn. Ich machte geltend, dass mir die Seele aufgrund seiner guten Taten aus einem älteren Kontrakt zustünde. Schon in der Schrift, die ihr „Die Bibel“ nennt, versprach ich den Einzug ins Himmelreich als Gegenleistung für gute Taten. Nun, der arme Mann wartet immer noch im Transitbereich der Thanatos gGmbH (ja, der gute alte Tanathos arbeitet gemeinnützig), während die Anwälte sich ob dieses juristischen Disputs die Köpfe heiß reden.

Und da war die Geschichte mit dem Dschinn. Ein Mann fand einst eine Zauberlampe. Ihr wisst ja, ein Dschinn muss dem, der des Geistes Lampe findet drei Wünsche erfüllen. Das Wünschen weiterer Wünsche wünschen die Dschinne dabei nicht. Meist treiben die Lampengeister dabei aber Schabernack und erfüllen die Wünsche immer mit einem kleinen Haken. So auch im Falle dieses Mannes. Er hielt sich nämlich für schlau und wünschte sich mit seinem letzten Wunsch die Macht, alle Wünsche selbst erfüllen zu können. Als Gegenleistung würde er dem Lampenbewohner dessen Wunsch nach Freiheit erfüllen. Der Geist lächelte verschlagen, schnippte mit dem Finger und verwandelte den Mann in einen Dschinn. Mit allen Vor- und Nachteilen, vor allem dass er in einer kleinen, engen Lampe hausen und dem jeweiligen Finder drei Wünsche erfüllen musste. Reingefallen! Die versprochene Befreiung des Lampengeistes verweigerte er natürlich.

Doch wie es der Zufall und das Schicksal (und manchmal auch meine helfende Hand) wollen, gelangte die Lampe dem Dr. jur. Hans-Maria Weismann in die Hände. Der Herr Dr. jur. war ein passionierter Antiquitätensammler und putzte zuerst die staubige Lampe und ihr Insasse erschien, wie es die Pflicht eines jeden Lampengeists ist. Er erfüllte dem Advocatus zwei, als dritten Wunsch wünschte sich dieser wider die Regeln des Lampengeistwünschens drei weitere Wünsche. In Erinnerung an sein eigenes Schicksal warnte der Lampengeist den Anwalt vor möglichen Folgen und erzählte ihm seine Geschichte. „Drei weitere Wünsche nur“, sprach der Herr Dr. jur., „mehr verlang‘ ich nicht. Seht es als Kontrakt zwischen uns, edler Geist. Ihr erfüllt mir meine drei Wünsche, und ich helfe Euch aus Eurer Misere.“

Nun, ein Anwalt, der sein Wort nicht hält würde wohl alsbald seiner Stellung enthoben dachte der arme Lampengeist und ging auf den Handel ein. Zusammen suchten sie den auf, der den Mann einst zu einem Dasein in der Lampe verwunschen hatte und forderten, dass des Mannes Verbannung in die und Versklavung in der Lampe aufgehoben würde. Der andere Geist erwiderte, dass der Mann ihm noch die Freiheit schulde, ihm diese aber nicht gewährt hätte. Doch er rechnete nicht mit dem Dr. Weismann, der entgegenhielt, dass ja der Geist seinen Teil des Vertrages nicht eingehalten hatte. Zwar hätte der Mann von früher als Dschinn von heute die Möglichkeit und Fähigkeit, Wünsche zu erfüllen, nicht jedoch ALLE Wünsche zu erfüllen. Als Dschinn könne er nicht die eigenen Wünsche wahrmachen, und somit sei die Vereinbarung schon vom Lampengeiste nicht erfüllt worden. Bei weiterer Nichterfüllung wolle er dem Lampengeiste auch am nächsten Tage eine entsprechende Klageschrift zustellen lassen. Wie jedes anständige Märchen ging natürlich auch diese Geschichte gut aus und Mann und Dschinn geistern nunmehr als freie Geister und gute Freunde durch die Welt.

Ja liebe Menschen, die Feinheiten der Juristerei sind selbst für uns Götter schwer zu durchblicken. Aber es gibt eine Berufsgruppe, bei deren Erfindung ihr noch viel, viel kreativer ward, eine Berufsgruppe, die in ihrem Schaffen selbst wieder und wieder ein solch hohes Maß an Kreativität an den Tag legt, dass wir Götter nur mit offenen Mündern dastehen und erstaunt den Kopf schütteln können: die Versicherungsvertreter. Ich glaube, ihr wisst was ich meine. Wer ist schon einem guten Versicherungsvertreter gewachsen?

Es war vor drei Wochen oder so, als ich auf Odins Einladung in seinem Sommerhaus auf Sylt logierte. Hin und wieder braucht auch ein Gott Urlaub. Wir saßen gerade beim Frühstückskaffee, als es an der Tür schellte. Der einäugige Wikinger blickte verwundert auf, murmelte etwas in der Art von „Wer is’n das jetzt?“ und stapfte noch reichlich verschlafen zur Tür.

„Sind Sie Herr … äh … Wotan?“, fragte eine Gestalt in einem billi … preiswerten Polyesteranzug. Wenn Odin sich bei den Teutonen, Jüten, Sachsen oder Friesen, bei den Deutschen also aufhält, benutzt er stets seinen westgermanischen Namen. Aber ich schweife. Und auch noch ab. Der Mann fragte also nach Herrn Wotan und Odins müdes Gesicht verfinsterte sich.

„Wenn Sie Zeuge Jehovas sind …“, begann der Wikingergott aber der Mann wiegelte ab, während ich ein etwas erbostes „Hey!“ durch das Ferienhaus schickte.

„Nein, nein, Herrn Wotan“, beeilte sich der Polyestermann zu erklären, „mein Name ist Robert Grus und ich komme von der Assekuranz Divinae. Darf ich eintreten? Herr Wotan, sind Sie eigentlich ausreichend versichert?“

Noch ehe Odin etwas sagen oder gar tun konnte hatte sich Herr Grus an Odin vorbeigeschoben und nahm an unserem Frühstückstisch platz. Odin stand an der Tür, als wäre er zu einer Salzsäure erstarrt, während Robert Grus seine Aktentasche öffnete und einen Stapel Papiere auf den Tisch legte.

„Sagen Sie, Herr Wotan“, begann der Mann in Polyester, „sind mit …“

Herr Grus unterbrach sich, als er bemerkte, dass Odin gar nicht am Tisch saß. Ich zeigte wortlos zum Eingang, wo Odin immer noch ins leere starrte. Zeit, ihn wieder ins Hier und Jetzt zu holen. Ein Zuckerwürfel verließ schwungvoll meine Hand und traf den alten Nordmann am Hinterkopf. Mit einem Grunzen zuckte er zusammen.

„Was? Wer? Warum?“

Odin drehte sich um und sah Herrn Grus am Tisch sitzen.

„Wer is’n das?“, murmelte der Allvater. „Muss eingeschlafen sein. Irgendwas war mit dem Met gestern.“

Der Mann im Anzug stand auf, reichte Odin die Hand und stellte sich noch einmal vor. Robert Grus von der Assekuranz Divinae, angenehm!

„Soll’n das sein? Asenkulanz Di … Hä? Was?“

„Assekuranz Divinae, Herr Wotan“, erklärte Herr geduldigt. „Wir sind eine Versicherungsgesellschaft für besondere Kunden. Sagen Sie, Herr Wotan, sind Sie eigentlich zufrieden mit ihrer Krankenversicherung?“

„Kranken – was? Wie?“ Der alte Wikinger verstand gerade die Welt nicht wirklich. Er rieb sich die Schläfen und brummte. „Man, hab ich 'nen Schädel. Brauch erstmal 'nen Kaffee. Woll’n Sie auch einen, Herr Blues?“

„Grus, Herr Wotan, Grus“, korrigierte ihn der Versicherungsmakler, worauf Odin mit einem gemurmelten „Ja, moin!“ antwortete.

„Also ich soll mich versichern, damit ich krank werde? Au, mein Kopf!“ Odin stützte seinen Kopf in die Hände und stöhnte. „Ich glaube, ich bin’s schon. Brauche keine Sicherung mehr dafür.“

Ich grinste. Den alten Mann hatte es diesmal schwer erwischt. Herr Grus hingegen war Profi und erklärte Odin, dass eine Krankenversicherung natürlich nicht da war, damit sondern falls man krank wird. Für die Arztkosten und so weiter. Ihr wisst schon, wovon ich rede. Odin brauchte einen Augenblick, um zu verstehen.

„Seit wann müssen Götter zum Arzt?“, fragte er schließlich.

„Götter?“, fragte Herr Grus. Aber ich sagte schon, dass er Profi war. Robert Grus, Versicherungsvertreter der Assekuranz Divinae war Profi und fing sich nach einer halben Sekunde Verwirrung wieder. „Götter! Nun, das ist natürlich etwas ganz anderes. Sie brauchen keine Krankenversicherung. Aber stellen Sie sich eine Frage: Was ist, wenn die Welt untergeht?“

Wenn die Welt untergeht? Dann geht sie unter und wir klöppeln eine neue. Ist doch klar. Aber ich schwieg. Ich war neugierig, worauf Herr Grus hinauswollte. Odin ging ihm auf den Leim.

„Was soll dann sein?“

Herr Grus hob die Hände und zuckte mit den Schultern.

„Na ja, dann ist die Erde futsch!“

„Dann machen wir eine neue“, grummelte der müde, verkaterte Odin. „Außerdem, warum soll die Welt untergehen? Und vor allem wie?“

Jetzt lächelte Herr Grus wissend. Er hatte sein Gegenüber in ein Gespräch verwickelt. Er hatte ihn, wo er ihn haben wollte. Jetzt musste die Falle nur noch zuschnappen.

„Wie soll die Welt untergehen? Lieber Herr Wotan, schauen Sie sich doch um! Wo Sie auch hinsehen, überall auf dieser Welt sind Menschen!“

„Wissen wir“, warf ich ein und nahm einen Schluck mexikanischen Hochlandkaffees. „Wir haben euch geschaffen, schon vergessen?“

Herr Grus hatte es nicht vergessen, dessen versicherte er uns sofort. Und er versicherte uns dessen, wie er betonte, sogar kostenlos. Diese Aussage muss wohl ein Witz unter Versicherungsmaklern sein, denn wir konnten nicht darüber lachen.

„Aber was, meine Herren“, fuhr der Vertreter nun auch an mich gewandt fort, „machen die Menschen? Sie hören nicht auf das, was Sie sagen. Sie holzen die Wälder ab, hauen tiefe Löcher in die Erde, verbrennen Kohle und Öl … Ich sage Ihnen, meine Herren Götter, das geht auf Dauer nicht gut.“

„Die Menschen lernen’s noch“, beruhigte ich.

„Oh, nein, mein Herr, das tun die Menschen nicht. Sie lernen es nicht. Letztlich seid ihr Götter nicht unschuldig daran, denn ihr gabt uns den freien Willen. Und doch richten die Menschen den Planeten zugrunde. Und dann? Die Erde ist irreparabel beschädigt und die einzige logische Möglichkeit ist abreißen und neu beuen. Wer, frage ich Sie, soll das alles bezahlen?

Und hier kommen wir ins Spiel, meine Herren. Fragen Sie sich selbst: Wie viel ist Ihnen diese Welt wert? So ein Neuanfang kann teuer sein. Aber wir von der Assekuranz Divinae versichern Sie gegen den Weltuntergang. Ab nur 79,95 Euro am Tage sichern wir Sie gegen sämtliche Schäden ab, die bei so einem herkömmlichen Weltuntergang entstehen können. Ist das nicht ein tolles Angebot? Sagen Sie ehrlich! Schauen Sie, ich habe schon, während wir sprachen, alle nötigen Papiere vorbereitet.“

Der Rest ging schnell. Bevor ich etwas tun konnte, hatte Odin unterschrieben und die Beiträge für den ersten Monat bezahlt. Genauso schnell war Herr Grus wieder verschwunden. Ich schüttelte immer noch ungläubig den Kopf, als Freia in die Küche kam und Odin triumphierend die Versicherungspolice hoch hielt.

„Wir sind für die Zeit nach Ragnarök abgesichert, meine Liebe“, erklärte Odin mit stolzgeschwellter Brust. „Die Versicherung bezahlt den Schaden.“

In der Tat, liebe Menschen, seid ihr in höchstem Maße kreativ, wenn es um Berufe geht. Auf eine Idee wie die Versicherungsvertreter wären wir nie gekommen. Erst recht nicht auf die Idee einer Weltuntergangsversicherung.

Und um ehrlich zu sein: Sollte die Welt untergehen, baue ich eine neue. Eine Welt, in der es kein Geld gibt. Dann kostet es mich auch nichts. Ist doch ganz einfach, oder?

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