DIE GÖTTER

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´╗┐Lilith und Eva

Zwei meiner ersten Fehlschläge waren Frauen. Oh, mäßigt euch, ihr Kleingeistigen! Ich sagte „Frauen“, nicht „die Frauen“. Es waren genau zwei Frauen, die sich in der einen oder anderen Weise als Fehlschläge entpuppten. Die erste war Lilith, die zweite Eva. Ich erwähnt schon an früherer Stelle, dass mir da was schief gegangen war.

Lasst mich mit Lilith beginnen:

Als ersten Menschen schuf ich ... Lilith, nicht Adam. Schade! Ihr hättet den Telefonjoker nehmen sollen. Lilith war eine wirklich schöne Frau, wenn ich mich mal ein bisschen selbst loben darf. All die Heidi Klums eurer Welt kommen ihrer Schönheit nicht annähernd nah. Nein nicht einmal Cleopatra oder Salome konnten mit ihr mithalten. Aphrodite drückte mir gegenüber einst ihren Neid auf Lilith aus.

Lilith war nicht nur schön, sie war auch intelligent. Soll heißen: Sie hatte eine hervorragende Auffassungsgabe und lernte unheimlich schnell. Etwas zu schnell vielleicht. Lilith hatte alsbald ein einzigartiges Verständnis von der Schöpfung als solches und als Akt. Ich prüfte Lilith, indem ich meinen Chefankläger – Satan, gut aufgepasst – als Schlange zu ihr schickte um sie zu überreden, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Lilith wollte nicht. Ich freute mich, dass sie so folgsam ist, Lilith erklärte jedoch: „Warum soll ich von dem Baum essen? Mit ausreichend Geduld kommt die Erkenntnis von ganz alleine zu mir.“ Ich war stolz wie Oskar, auch wenn ich damals noch nicht wusste, wer in drei Teufels Namen Oskar ist. Aber ein so intelligentes Wesen geschaffen zu haben ... Boah ey!

„Ich bin nackt“, bemerkte Lilith eines Tages. Ich schielte zum Baum und zählte die Früchte. Alle hingen an ihrem Ast. „Ja?“, fragte ich vorsichtig. Lilith zuckte die Schultern, sah mich an und sagte: „Ist mir nur gerade aufgefallen. Ist schon gut. Und nackt ist besser als die Nachthemden Deiner Beamten.“ Sie meinte die Engel, deren zivile Uniform ja ein langes weißes Hemd ist.

Lilith war Adam natürlich beim Lernen etwas voraus. Schließlich ist sie die Ältere. Und so entdeckte sie die eine Sache, die es zwischen Menschen gibt, eher als Adam: Sexualität. Lilith stellte sich vor dem armen Adam in Pose, umgarnte ihn, versuchte mit allen Mitteln, ihn zu verführen – ohne Erfolg. Adam (ich glaube, ich erwähnte schon, dass Adam sich ein bisschen schwer tat, was die Frauen betrifft) biss nicht an. Er sah Lilith mit großen Augen an und überlegte krampfhaft, was die Kleine nur von ihm wollte. Nun ja ... Adam eben.

Lilith hingegen sah sich, nachdem sie die anfängliche Enttäuschung verarbeitet hatte, anderweitig um. ‚Wenn Adam nicht will, gibt es hier ja noch Engel‘, dachte sie. Sie versuchte es sogar einmal bei Zeus, als dieser mit Gattin und Hofstaat zu Gast war. Dass Lilith' Werben bei der zänkischen Hera Missfallen erweckte, kann sich wohl jeder denken. Zeus wiederum ... Ich hätte nie gedacht, das einmal zu sehen, aber der alte Grieche sah zu, dass er das Weite fand. Lilith war ihm – so begehrenswert er ihren Anblick fand – zu selbstbewusst. Es war auch das erste Mal, dass ich Hera nicht grimmig dreinblicken sah. Sie grinste. Nicht, wie sie mir eröffnete, weil Lilith nicht ihren Willen und Heras Gatten bekam, sondern weil Lilith die erste Frau war, die Zeus Angst machte.

Tja, Lilith war eine Klasse für sich. Und genau das war das Problem. Sie fühlte sich unterfordert, eingeengt. Lilith wollte mehr. Sie wollte sich entfalten, sie wollte kreativ sein und etwas schaffen. Im Paradies wiederum war alles da und soweit perfekt. Ich hatte ja genug Zeit gehabt – fünf Tage immerhin. Ihr solltet diese fünf Tage nicht mit fünf eurer Tage gleichsetzen. Albert Einstein kam der Wahrheit hinter den sieben Schöpfungstagen ziemlich nah, wenngleich er es nicht quantifizieren konnte: Zeit ist relativ.

Lilith also wollte mehr, als ihr das Paradies geben konnte. Es geschah, was geschehen musste: Sie ging. Einfach so. Sagte noch „Tschüss, Papi!“ und weg war sie. Hat nicht funktioniert. Dummerweise war Lilith auch noch etwas unfertig. Ich hatte da noch eine Kleinigkeit vor, aber Lilith ging, bevor ich die biologische Uhr in ihr aktivieren konnte. Aber sie besucht mich jedes Jahr zu Weihnachten und schickt mir Karten zu Ostern.

Lilith war weg und Adam alleine. Eine Weile genoss er das Junggesellendasein, aber irgendwann hing er schweren Geistes in Gedanken Lilith nach. Er wollte sich schon aufmachen, sie zu suchen. Der Junge hatte immer was für Rothaarige übrig, aber das erfuhr ich erst später. Auf jeden Fall war er noch nicht so weit, in die große weite Welt zu gehen. Er war klug, keine Frage, aber auch noch recht naiv. Ich entschied, ihm eine neue Gefährtin zu machen. „Leg Dich mal hier auf den OP-Tisch!“, forderte ich ihn auf. Dann nahm Michael, mein amtierender Oberengel (seine Amtszeit ist in 2 Jahren und 8 Tagen aber um) den Holzhammer und sorgte für ein Narkose. Den Rest kennt ihr: Ich nahm eine Rippe von Adam und schnitzte eine Frau daraus. Nein, nicht wirklich. Adams Rippe war ein bisschen klein. In Wirklichkeit war es eine Walrippe. Ich hätte auch Kieselerde nehmen können. Oder einen Eichenstamm. Völlig egal. Die Hauptsache ist, dass die Größe stimmt.

Bei der zweiten Frau ging ich anders zu Werke. Für den Anfang gab ich ihr keinen Namen. Es gab nur zwei Menschen bei uns zu Hause: die Frau und den Mann. Namen waren nicht nötig. Ich wollte diesmal Fehler vermeiden, also sorgte ich dafür, dass die Frau etwas langsamer lernte. Ich hoffte, die Verzögerung der Erkenntnis würde die Frau emotional genug reifen lassen. Um ganz sicher zu gehen, gebot ich, Eva und Adam, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen. Leider nutzte das alles nichts. Ich hätte Eva keine Neugier geben sollen. Neugierig, wie sie war, wollte sie unbedingt herausfinden, was es mit dem Baum auf sich hatte. Gut, Satan war auch ein bisschen vorschnell. Er hätte Eva zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht prüfen sollen.

Der springende Punkt ist aber, dass sowohl Eva als auch Adam nun so erkenntnisvoll waren, dass sie womöglich auch von dem zweiten Baum kosten wollen würden. Es war eine Kopie von Iduns Apfelbaum und würde die Menschen unsterblich machen. Aber ich wollte sicher sein, dass sie mit dem ewigen Leben klarkommen würden. Ist nämlich nicht immer einfach. Und jetzt mit der Erkenntnis wurden sie sich vielleicht ihrer Sterblichkeit bewusst hätten sich auf eine Dummheit eingelassen. Blöd gelaufen. Aber ich sagte ja schon: Auch uns Göttern gehen Dinge schief.

Zum Glück haben wir aber auch jedesmal eine Idee, wie wir die Sache wieder hinbiegen können. Tja, und deshalb seid ihr Menschen jetzt auf der Erde. Wer denn ein ausreichendes Maß an Weisheit erreicht hat, darf dann auch vom zweiten Baum essen. Vorausgesetzt, er war im irdischen Leben brav.

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